Wir begrüßen den Fahrradbeförderungsplan von Abellio als wichtigen Schritt zur Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben nach § 10 Abs. 2 AEG. Der Plan zeigt erfreuliche Veränderungen bei Kapazitäten und Transparenz gegenüber älteren Plänen. Um das Potenzial der Intermodalität von Rad und Bahn vollständig zu erschließen, sehen wir jedoch noch Entwicklungsbedarf in zwei Bereichen: messbare Ziele für Kapazitäten sowie Lösungen für den Schienenersatzverkehr.
Unsere Stellungnahme gibt es hier zum Download.
Was uns überzeugt
Kapazitätssteigerung konkret umgesetzt: Der Einsatz neuer Talent-3-Züge mit bis zu 33 Radstellplätzen ist ein substanzieller Fortschritt gegenüber Talent-2-Zügen (max. 24 Plätze). Die ganzjährige Nutzung des Sommermodus zeigt, dass die tatsächliche Nachfrage erkannt und berücksichtigt wird. Wir gehen davon aus, dass die neuen 6-teiligen Talent-3-Züge ebenso in Doppeltraktion fahren und entsprechend mit einem weiteren Zuwachs an möglichen Radabstellplätzen zu rechnen ist. Dies ist dem vorgelegten Fahrradbeförderungsplan jedoch so nicht zu entnehmen und beruht auf einer Interpretation unsererseits. Der Plan sollte diesbezüglich präzisiert werden, in welchen Längen die Züge auch tatsächlich fahren.
Kapazitätssteigerungen bei der Fahrradmitnahme sind notwendig und zu begrüßen. Nach unserer Beobachtung dienen diese Mehrzweckbereiche bei sehr hohem Fahrgastaufkommen auch der Erhöhung der Kapazität für Stehplätze und stehen daher nicht im Widerspruch zur Fahrgastbeförderung, da Personen immer Vorrang vor der Fahrradmitnahme haben. Der letzte Absatz des Fahrradbeförderungsplans sollte daher weniger polarisierend verfasst werden. Die Möglichkeit der Fahrradmitnahme ist ebenfalls eine Form von Komfort für Bahnreisende. Die Verknüpfung von Rad + Bahn als Klimaschutzmaßnahme sowie Vorschläge zu Bike-Sharing und Fahrradparkanlagen zeigen zukunftsorientiertes Denken. Die Errichtung ausreichender Radabstellanlagen an Bahnhöfen, die den heutigen Anforderungen an Witterungsschutz, Diebstahlschutz mit einheitlichen Zugangssystemen usw. erfüllen, steht auch im kommunalen Interesse. Wir unterstützen unsere Mitgliedskommunen hierbei.
Wo wir Entwicklungspotenzial sehen
1. Konkretisierung der Entwicklungsziele
Der Plan beschreibt den aktuellen Stand. Für die Weiterentwicklung wären messbare Zielgrößen hilfreich. Formulierungen wie „Weiterentwicklung im Rahmen der Verkehrsverträge“ (Laufzeit bis 2030) lassen noch offen: Wie viele zusätzliche Radstellplätze werden angestrebt? Welche Maßnahmen zur Stärkung der Intermodalität sind geplant? Die verlässliche Mitnahme eines Fahrrads ist ein wesentlicher Faktor für den Komfort von Bahnreisenden. Mehr Abstellplätze für Fahrräder bieten in überfüllten Zügen auch mehr Platz für Bahnreisende ohne Rad.
2. Herausforderung Schienenersatzverkehr
Die Fahrradmitnahme im Schienenersatzverkehr ist oftmals nicht möglich. Die Mitnahme liegt im Ermessen der den Bus steuernden Personen und kann zu Stoßzeiten „nur in Ausnahmefällen“ ermöglicht werden. Angesichts der geplanten Großbaumaßnahmen auf Abellio-Strecken (Sanierung Halle–Kassel 2026, Sondershausen–Hohenebra 2026/27) entsteht hier eine schwierige Situation:
▪ Radpendler stehen vor erheblichen Mobilitätseinschränkungen
▪ Tourismus-Regionen wie das Unstruttal und der Kyffhäuser könnten zeitweise vom Radverkehr
abgeschnitten werden
▪ Die Kontinuität der Fahrradbeförderung gemäß § 10 Abs. 2 AEG wäre unterbrochen
Wir verstehen die praktischen Herausforderungen bei der Organisation des SEV. Gleichzeitig sehen wir hier dringenden Handlungsbedarf, um die Mobilität von Radfahrenden auch während Baumaßnahmen weitestgehend zu gewährleisten. Wir können bei der Vermittlung von guten Praxisbeispielen helfen und wissen auch um die Änderungsbedarfe des vertraglichen Rahmens. Wir empfehlen die Erprobung von SEV-Bussen mit 4–6 Radstellplätzen (z.B. Fahrradanhänger oder -träger) auf ausgewählten Strecken während Baumaßnahmen 2026/27. Informationen zu alternativen Routen, Hinweise auf Leihrad-Stationen oder andere Kompensationslösungen sind sinnvolle Begleitmaßnahmen zur Verbesserung der Situation im SEV.